Wo persönliche Erfahrungen zu musikalischer Energie werden
Zwischen Tokyo und Berlin, zwischen Mönchsgesängen und Technobeats, zwischen Flüstern und Schreien: SOSOSO_tokyo_berlin bewegen sich in einem Spannungsfeld, das zugleich ihre kreative Heimat ist. Das Duo verbindet zwei Kulturen, zwei musikalische Sozialisationen und zwei Lebenswelten zu einem eigenständigen Klang, der weder Grenzen kennt noch welche sucht. Ihre Songs entstehen aus persönlichen Erfahrungen, aus dem Wunsch nach Reinheit in einer chaotischen Welt und aus einer künstlerischen Freiheit, die sich jedem Genre entzieht.
Im folgenden Interview vom 8.April 2025 sprechen Miyu und Drifter über ihre Anfänge, ihre Arbeitsweise und ihre Visionen. Sie erzählen von Inspirationen, Reisen, kulturellen Spiegelungen und ihrem Blick auf eine Welt, die sich ständig verändert. Ein Gespräch über Musik als Energie, über In-yo (陰陽), und über eine gemeinsame Mission die Zukunft zu vertonen. Schritt für Schritt, Song für Song.
Redaktion/ Interview: T. Bär, 22. Dez. 2025, Dresden

Persönlicher Hintergrund
Wie seid ihr zur Musik bzw. zur Kunst gekommen?
Gab es einen Schlüsselmoment?
Bevor Miyu Modell wurde, hatte sie als Schülerin in Tokyo bereits eine Band gegründet, dafür Songs geschrieben, darin gesungen und Gitarre gespielt. Drifter hat auch in der Schulzeit seine erste Band gegründet und darin gesungen und Gitarre gespielt, allerdings in Berlin. Beide hatten nie musikalische Lehrer, sondern haben sich alles irgendwie autodidaktisch beigebracht, was wohl erklärt warum SOSOSO_tokyo_berlin nicht genre-gebunden ist, sondern frei diverse Einflüsse zusammenführt um ihren eigenen Sound zu kreieren.
Was inspiriert euch in eurer kreativen Arbeit?
Gibt es bestimmte Künstler, Genres oder Erlebnisse?
Eigene Erfahrungen sind die größte Inspirationsquelle. Ein persönliches Erlebnis oder ein Gefühlszustand bringt oft den Kern einer Idee, die dann ausgearbeitet wird. Unsere Texte sind ein Mix aus Englisch und Japanisch (ganz selten mal Deutsch) und haben eher einen subtilen Sinn als einen direkten, mehr einen gefühlten, als einen logischen. Textlich geht es oft darum, seine Reinheit zu behalten, pur und heilig zu bleiben in einer chaotischen Welt, die oft vergisst, was ein gelungenes Leben wirklich ausmacht. So geht es in Songs wie “Superinnocent” um die Schattenseiten der Großstadt, in “Consume me” um den modernen Konsum, in “URight” um die Unnötigkeit vieler Diskussionen, in “Puffyfish” um den Kugelfisch, der sich bei Angst aufbläst um größer zu wirken als er ist. Indem wir oft negativ-empfundene Worte in den Texten nutzen, wollen wir diesen Worten damit ihre Kraft nehmen.
Welche Bedeutung hat Japan bzw. Deutschland in eurem Leben und in eurer Arbeit?
Sowohl Japan, als auch Deutschland sind sehr wichtig für uns, weswegen Tokyo und Berlin in unserem Bandnamen auftauchen. Die Städte, in denen wir aufwuchsen und die scheinbar so unterschiedlich sind, gleichen sich jedoch in vielen Dingen. Polarität und Eins-Sein. Miyu mag die Reisefreiheit und Internationalität Europas, während Drifter eine starke Bindung zum traditionellem Japan hat. Miyu ist gern in Deutschland und Drifter lieber in Japan, was SOSOSO_tokyo_berlin dazu bringt immer wieder zwischen beiden Kontinenten hin-und-herzuziehen.
Musik und Zusammenarbeit
Wie habt ihr euch als Team kennengelernt, und wie kam es zur Idee, gemeinsam Musik zu machen?
Drifter hatte als Musikproduzent und Ghostwriter für andere Künstler auch Veröffentlichungen seiner Songs von asiatischen Künstlern in asiatischen Ländern und war begeistert von der Idee einer Kooperation mit einer asiatischen Künstlerin. Dieses Vorhaben stieß auf Interesse und wurde von der GVL finanziell gefördert. Durch das Internet fand er Miyu, die ebenso begeistert davon zusagte. Sie trafen sich zweimal in einem Proberaum, um anschließend den Song “Lucky” aufzunehmen und ein Video auf dem 1. Mai Demonstrationen in Berlin zu drehen, welches darin endete dass die beiden mit Regisseurin/Kamerafrau Ewa Wikiel den gewaltvollen Zusammenstößen zwischen Polizei und Linksdemonstranten schnell entfliehen mussten und es auch nur sehr knapp geschafft hatten.
Wie würdet ihr euren Stil beschreiben? Gibt es eine Botschaft, die ihr mit eurer Musik vermitteln möchtet?
Es ist eine Mischung aus den Einflüssen, die wir aus Japan,sowie Berlin haben und soll nicht einem Stil entsprechen. In unserem Intro zum Beispiel, nutzen wir einen japanischen Mönch-Gesangs-Stil zusammen mit Technobeats, in anderen Songs Metal mit Punk und Elektro oder auch Jazz mit Rock. Die Gitarre ist immer einen Halbton runtergestimmt und sehr oft verzerrt. Zwei Stimmen wechseln sich ab, mal als Hauptstimme, mal als Chor oder Backing, also wechseln wir ständig die Rolle zwischen Haupt- und Backgroundgesang. Manchmal flüstern wir, manchmal schreien wir, doch im Großen und Ganzen sind es Popsongs auf ihre Art und Weise. Wichtig ist die Überraschung und die Energie. Und das ist auch die Botschaft: Dynamik, Leben, Veränderung, Yin Yang (jap.: In-yo 陰陽), die Polarität des Lebens die es letztlich zusammenhält und überhaupt erst interessant macht. Eine positive Botschaft, die jeden an die eigene, natürlich innewohnende Lebenskraft erinnern soll. Besonders jetzt, wo die Welt immer komplizierter wird.
Welche kulturellen Einflüsse (z. B. japanische und deutsche Kultur) spiegelt ihr in eurer Musik wider?
Beide Kulturen haben eine lange und nicht immer gute Geschichte, eine sehr alte Sprache und damit auch eine tiefe geschichtliche Lernphase durchlebt. Viele Dinge, die “die Oma schon immer gesagt hat“ scheinen auch in der modernen Welt wichtig zu bleiben, aber auch viele könnten überdacht werden. Wir versuchen die Spreu vom Weizen zu trennen und einen neuen Weg zu finden.
Gibt es eine besondere Geschichte hinter eurem aktuellen Projekt oder euren Auftritten?
Wir machen bewusst nicht die typische Musik und setzen lieber auf Eigenständigkeit, was natürlich heißt, dass wir unsere Vision mit Ausdauer und Geduld durchführen, und akzeptieren, dass Menschen sich nur langsam an etwas Neues gewöhnen. Unsere Mission ist Musik der Zukunft zu schreiben und das fängt halt erstmal in der Gegenwart an.

Kreative Prozesse
Wie sieht euer kreativer Arbeitsprozess aus?
Wer bringt welche Ideen ein?
Es ist immer sehr konfliktfrei. Ganz simpel, die beste Idee gewinnt. Anstatt zu diskutieren oder zu streiten wird vieles ausprobiert und wenns funktioniert, wird es beibehalten, wenn nicht ohne Bedauern auch weggeworfen.
Habt ihr Rituale oder besondere Gewohnheiten, die euch helfen, kreativ zu bleiben?
Immer dranbleiben, eine positive Umgebung, Sport, gutes Essen, Abenteuer, viel Lachen und gern auch Sake.
Wie integriert ihr eure unterschiedlichen kulturellen Hintergründe in die Musikproduktion?
Wir beide sind musikalisch und generell sehr offen und interessiert, wahrscheinlich weil wir nie musikalische Lehrer hatten und dementsprechend auch keine “eine Herangehensweise” erlernt haben. Jeder Song entsteht in einem neuen kreativen Workflow und das Projekt SOSOSO_tokyo_berlin scheint für diese Arbeitsweise einfach prädestiniert.
Auftritt in Dresden und Eindrücke
Was bedeutet es für euch, in Dresden aufzutreten? Hattet ihr schon einmal Kontakt zur Stadt oder zu Sachsen?
Drifter ist genetisch halber Sachse, aber da er in Berlin aufwuchs, war der Besuch Dresdens eher eine Reise in die Geschichte seiner Vorfahren. Miyu kennt durch viele Dresdner Fotoshootings als Model die Stadt und ihre Einwohner etwas besser. Auffällig war die Freundlichkeit und die generelle Entspanntheit der Leute und wir freuen uns immer wieder auf einen Besuch in dieser altehrwürdigen Stadt.
Welche Verbindung seht ihr zwischen Kunst, Musik und kulturellem Austausch?
Im Grunde sind diese drei Dinge Teil einer menschlichen Allgemeinsprache und ähneln sich im Kern, egal aus welcher Kultur. So können irische Songs Ähnlichkeit mit Punkmusik oder Country aus den USA haben, oder traditionelle südostasiatische Rhythmen auch an Hiphop-Beats erinnern, wenn man nicht auf die Instrumentierung und Produktionsweise hört. Im Kern scheint alles vom Menschen Gemachte gleich oder zumindest ähnlich zu sein, wenn man mal wirklich hinauszoomt.
Zukunftspläne und Visionen
Was sind eure nächsten Projekte oder Ziele?
Mehr Songs, mehr Shows, mehr Videos. SOSOSO_tokyo_berlin einfach weiterentwickeln und schauen wohin die Reise führt. Es wäre Klasse soweit zu kommen, mit einem Team von Managern, Bookern, Social Media und einer Backing-Band, sowie einem DJ die Musik komplett live, also ohne Backing-Track, in größeren Hallen in aller Welt zu spielen. Wir schauen mal was sich ergibt und bleiben einfach aktiv.
Gibt es Künstler oder Produzenten, mit denen ihr gerne zusammenarbeiten würdet?
Miyo Ken, Produzent aus Tokyo. Makoto Tezka, Visualist / Regisseur aus Tokyo, mit dem Miyu bereits ein paar Mal als Model zusammenarbeitete, Olaf Heine, Fotograf aus Berlin, Spector, Videoregisseur aus Berlin, uvm..
Wo seht ihr euch in fünf Jahren, sowohl beruflich als auch persönlich?
Das steht in den Sternen geschrieben. Wir konzentrieren uns immer nur auf den nächsten Schritt und bleiben im Moment. In-yo 陰陽 halt.

Persönliche Perspektiven und Diverses
Was bedeutet Heimat für euch?
Wir reisen gern und fühlen uns an sehr vielen Orten zu Hause. Unsere Heimat nehmen wir im Geiste und in der Art wie wir denken und handeln immer mit.
Habt ihr eine besondere Lebensphilosophie oder ein Motto, das euch begleitet?
Kindness, zu deutsch Freundlichkeit. Wir leben mit Respekt und Mitgefühl zu Mensch und Natur. Alles und jeder ist heilig und das Leben ist einzigartig. Man muss natürlich aufpassen und sich schützen, aber wir glauben nicht, dass Böses geboren wird, es wird geschaffen durch negative Erfahrungen, die es gilt, in Weisheit umzuwandeln. Scheinbar wenige schaffen es leider, weshalb wir in einer Welt leben, in der wir leben. Doch um so mehr sollte dann von den übrig gebliebenen Kindness gelebt werden.
Wenn ihr eure Arbeit in einem Wort beschreiben müsstet, welches wäre das und warum?
Eine Mission des Lebens. Wir hinterfragen nicht, warum oder wodurch SOSOSO_tokyo_berlin entstanden ist, wir machen alles einfach so gut wir es in dem jeweiligen Moment können. Wir geben alles von uns und schauen, was diese Energie in der Welt bewirkt. Es geht darum, Balance zu halten und jeden Tag so gut es geht zu erleben und im besten Falle auch andere Menschen positiv zu inspirieren. SOSOSO そう そう そう: So そう ist ein verbaler Ausdruck der Übereinkunft in Japan. So wie “Ja, ja, ja”, “Aha, ach so, verstehe”. Je mehr So そう gesagt wird, desto mehr Ausdruck des Verständnisses. Der Sound von dem Wort So hat auch noch folgende Bedeutungen: 想 Denken/Idee, 創 Kreativität, 奏 Spielen.
Danke Danke Danke
Wir bedanken uns von Herzen bei SOSOSO_tokyo_berlin für ihre Offenheit, ihre Zeit und die inspirierenden Einblicke in ihre Welt. Dieses Duo ist für uns etwas ganz Besonderes, künstlerisch, menschlich und in der Energie, die sie in alles legen, was sie tun. Wir hoffen sehr, sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.
